Großstadt oder flaches Land?

Die größte Motivation für mich, das Abitur zu bestehen, war die Aussicht auf ein Studium und damit die Garantie, die Kleinstadt verlassen zu können und in die Großstadt zu ziehen. Ich wollte unbedingt weg, raus aus der Provinz, hinein in die Großstadt, in das Leben, in das Abenteuer, weg vom langweiligen Dorfleben. Es gab viele Gründe für mich, Land gegen Stadt einzutauschen. Mitte der 1990er-Jahre auf dem platten Land schwul zu sein war keine positive Erfahrung. Auch wenn ich mich damals noch nicht als schwul oder queer definiert habe – ein wesentlicher Grund für mein relativ spätes Outing mit Anfang 20 hatte seine Ursache auch in dem, wie Homosexualität damals in der Gesellschaft und vor allem auf dem Land verhandelt wurde.

Nach dem Abitur bin ich noch etwas länger auf dem Land geblieben, ich habe zunächst eine Ausbildung gemacht, 1998 ging es nach einer Reise durch das südliche Afrika endlich in die große Stadt. Hamburg war das erste Ziel. Ich habe in Hamburg, Dakar und Wien gelebt, seit einigen Jahren wohne ich nun in Berlin. Ich lebe nach wie vor gern in der Stadt, allerdings stelle ich fest: es verändert sich. Immer öfter bin ich genervt von den vielen Menschen, von dem Dreck und der schlechten Luft und denke, wie es wohl wäre, wenn ich auf dem Land, im Wendland, dort, wo ich aufgewachsen bin, ein Haus hätte. Mit Garten. Und viel Natur. Und ohne Menschen. Ganz ohne Stadt sollte es aber auch nicht sein, eine Wohnung in der Stadt hätte ich schon gern weiterhin.

Die Corona-Pandemie hat ihre Spuren hinterlassen. Die lange Zeit zu Hause, ohne Büro, mit wenigen sozialen Kontakte, ohne Feiern, ohne Partys hat mich und hat uns alle verändert. Viele fremde Menschen um mich herum nerven mich bisweilen sehr. Ich komme mir manches mal schon ganz vogelig vor, weil ich Menschen anstrengend finden – Menschen lassen sich in der Stadt nur schwer vermeiden.

Mit Beginn der warmen Tage und den großen Öffnungsschritten nach den ganzen Corona-Einschränkungen genieße ich aber auch wieder die angenehmen Seite des Großstadtlebens. Ich gehe ins sehr gern ins Restaurant, das Angebot dazu in Berlin ist grenzenlos. Dann die Kultur. Theater! Ende April war ich im Berliner Ensemble und habe Borcherts “Draußen vor der Tür” gesehen, vor zwei Wochen gab es im Maxim Gorki Theater “Queen Lear” mit Corinna Harfouch, in zwei Wochen, und da freue mich besonders drauf, bin ich bei Georgette Dee in der Bar jeder Vernunft. Ich war in der Gemäldegalerie in Berlin und habe mir schöne Bilder angeschaut, ich war zu einem Konzert im Berliner Dom und haben einen musikalischen Gottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche besucht. Alles Dinge, die auf dem Land so nicht möglich wären. Darum hätte ich gern beides: Stadt und Land.

Blick auf die Elbe von Elbfähre Lenzen-Pevestorf.
Überfahrt mit der Elbfähre von Lenzen nach Pevestorf.

Ich habe bereits zwei Objekte im Auge, die ich sofort nehmen würde. Selbst der Gatte, ein Stadtkind, ist dem Landleben nicht mehr abgeneigt. Mein Hinweis: Dann könnten wir auch einen Hund haben hat ihn zum Nachdenken gebracht.

Das Hauptproblem liegt allerdings ganz woanders. Wer hätte es gedacht: das Geld fehlt. Mir fehlt noch immer die Idee, wie ich schnell und unkompliziert zu, sagen wir mal, mehreren hunderttausend Euros kommen. Das wäre nämlich die Grundlage, um den Stadt-Land-Plan umzusetzen. Ich bin offen für Vorschläge!

Würde ich jetzt wieder ins Wendland ziehen, ich wäre auch nicht mehr der einzige queere Mensch dort, auch das hat sich sehr verändert. Es gibt mittlerweile queere Orte im Wendland, ja sogar einen CSD. Ich habe, vor, in diesem Jahr dort hinzufahren, er findet am 16. Juli in Lüchow statt. Ich bin sehr gespannt!